Desert Flower Foundation

Interview mit Waris Dirie zur Situation in Somalia

Im Interview mit der österreichischen Zeitung Kurier spricht Waris Dirie über die aktuelle Situation in ihrer Heimat Somalia und ihre Hoffnungen für Ostafrika.

 

KURIER: Es ist die schlimmste Dürre seit 60 Jahren, die UN haben offiziell die Hungersnot ausgerufen. Was geht in Ihnen vor?
Waris Dirie: Ich bin schockiert. Somalia ist meine Heimat, meine Familie, mein Volk. Diese Bilder sind schwer zu ertragen. Du fühlst dich so machtlos.

Das Foto des bis auf die Knochen abgemagerten kleinen Kindes in einer Plastikschüssel – was löst es in Ihnen aus?
Es trifft mich mitten ins Herz. Diese Kinder sind wie meine eigenen Kinder. Ich spüre ihre unerträglichen Schmerzen . Ich habe als Kind selbst Hunger und Trockenheit erlebt. Ich weiß, was Hunger und Durst bedeuten und wie sehr die Menschen leiden. Besonders schlimm ist es deshalb für mich, Kinder dort leiden zu sehen, wo auch ich meine Kindheit verbracht habe.

Hilfsaktionen sind sehr riskant in Somalia, weil es seit 1991 keine funktionierende Regierung und Verwaltung mehr gibt… Macht Ihnen die politische Situation Ihres Landes Sorgen?
Die politische Situation in Somalia, die ja bereits seit Jahren völlig entgleist ist, trägt entscheidend zu Situationen wie der jetzigen bei. Denn durch die Anarchie, die die Warlords in Somalia verbreiten, kommt Hilfe nicht dort an, wo sie benötigt wird, oder die Wege zu den Betroffenen werden blockiert. Der Umgang dieser Schwerkriminellen mit ihren eigenen Brüdern und Schwestern macht mich unglaublich wütend. Aber genauso wütend macht es mich, dass die Politik, aber auch Medien e diese katastrophale Menschenrechtssituation immer erst dann aufgreifen, wenn Bilder verhungernder Kinder um die Welt gehen.

Der Flüchtlingsstrom nach Kenia und Äthiopien beträgt hunderttausende Menschen – Sie selbst sind ja auch aus Somalia geflüchtet- vor Ihrem Vater. Kommen da Erinnerungen zurück?
Ja… Ich weiß, was es heißt, tagelang durch die Wüste zu irren ohne Essen, ohne Wasser. Ein Albtraum. Nur dein Wille zu leben lässt dich weitergehen, nicht aufgeben. Wenn ich die Kinder und die Menschen sehe, frage ich mich, wo jeder einzelne von ihnen wohl ankommen wird.

Was ist Ihr Appell an die Welt? Warum lässt diese Katastrophe den Westen kalt?
Die Welt lässt es nicht kalt. Die Hilfsmaßnahmen starten nun auf breiter Front. Aber ich frage mich, warum man erst dann zu helfen beginnt, wenn es für viele schon zu spät ist? Mein Appell an die Welt: Bitte helft jetzt alle mit, diese Kinder zu retten. Und lasst es auf diesem Planeten, der so reich ist, nie wieder so weit kommen, dass eine Katastrophe, die sich über Monate angekündigt hat, von der alle verantwortlichen Politiker und die UN gewusst haben, erst ausbrechen muss, bevor reagiert wird.

In Europa versuchen die EU-Verantwortlichen gerade, den Euro zu retten. Am Horn von Afrika würde es 1 Milliarde Dollar brauchen, um eine Tragödie zu verhindern. Verzweifeln Sie manchmal an dieser Welt?
Verzweiflung ist nicht das richtige Wort. Ich bin wütend, aber ich weiß, dass ich etwas tun kann, tun muss und tun werde. Wir leben heute in einer Welt, in der einige wenige über alle und alles bestimmen können. Sie haben diese Welt durch Gier und Dummheit in eine sehr gefährliche Situation gebracht. Immer mehr Menschen verarmen oder verlieren ihre existenziellen Grundlagen. Die Verantwortlichen erklären uns, dass sie die Probleme, die sie verursacht haben, lösen können. Darauf sollten wir uns aber nicht mehr verlassen und sie auch nicht mehr weitermachen lassen. Sonst gibt es ein schlimmes Ende.

Sie sind bekannt geworden durch Ihren engagierten Kampf gegen die Genitalverstümmelung, Ihre Bücher über dieses Tabuthema sind Bestseller geworden: Was hat sich seither geändert?
Mit den Kampagnen meiner Foundation (siehe Kasten unten) habe ich Millionen Menschen auf der ganzen Welt erreicht. Es hat sich viel getan, sowohl die Gesetze als auch das öffentliche Interesse am Thema. Aber ich habe gelernt, dass man einen Blick auf die Ursachen dieser grausamen Praktik werfen muss, um sie auszurotten. Diese Ursachen heißen erstens Armut und zweitens die Frau als Ware, die man verkauft und genital verstümmelt.

Und wie rottet man sie aus?
Indem man den Aufbau wirkungsvoller Strukturen fördert und fordert. Nur so ändert sich die Situation – zwar langsam, aber nachhaltig.

Auch Sie selbst mussten dieses Ritual erleiden und haben sich den Schmerz in Ihren „Briefen an meine Mutter“ von der Seele geschrieben. Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Ich war im Vorjahr vier Monate bei meiner Mutter und Familie in Afrika. Wir haben gemeinsam gekocht, gegessen, geredet. Meine Mutter versteht nun besser, wofür ich kämpfe.

Frau Dirie, wo leben Sie eigentlich?
Ich habe in vielen Städten gelebt; London, New York, Los Angeles, Amsterdam, Wien, Kapstadt, Addis Abeba, Danzig und noch einige mehr. Aber ich bin immer weitergezogen. Einmal Nomadin, immer Nomadin, wissen Sie. Ich habe vieles erlebt. Bitterste Armut und die glitzernde Scheinwelt berühmter Models. Ich habe im Westen als Model und mit meinen Büchern großen Erfolg und auch viel Glück gehabt und bin dafür sehr dankbar. Mein Herz aber war, ist und wird immer in Afrika sein.

Ein Logo für Menschenrechte: Über 15.000 Entwürfe eingereicht

Ein Logo für Menschenrechte: Über 15.000 Entwürfe eingereicht

Beim Wettbewerb „Ein Logo für Menschenrechte“ sind bis zum Anmeldeschluss sensationelle 15.296 Entwürfe eingegangen. Diese werden nun von der Jury, zu der auch Waris Dirie gehört, gesichtet. „Ich bin absolut begeistert von der riesigen Anzahl an Einsendungen und schon sehr gespannt auf die vielen tollen Entwürfe“, sagte Waris Dirie nach dem Ende der Einreichungsfrist.

Hundert Entwürfe kommen in einem zweiten Schritt nochmals vor die Jury, die aus diesen 100 Einsendungen zehn Logoentwürfe auswählt. Über diese zehn Finalisten stimmt die Internet-Community ab. Die Abstimmung beginnt am 27. August, bis 17. September hat die Internet-Community die Möglichkeit über die zehn besten Logos abzustimmen. Das Gewinnerlogo wird am 23. September 2011 im Rahmen der 66. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York vorgestellt. Auch Waris Dirie wird an der Präsentation des Gewinnerlogos in New York teilnehmen.

Waris Dirie im Interview: “Die Menschen in Ostafrika brauchen jetzt jede Hilfe, die sie kriegen können!”

Im Interview mit der österreichischen Zeitung Kurier spricht Waris Dirie über die Situation in ihrer Heimat.

In der aktuellen Wochenendausgabe der Zeitung Kurier spricht Waris Dirie über die Gefühle, die die aktuellen Bilder aus ihrer Heimat in ihr auslösen.

“Natürlich lösen diese Bilder Entsetzen in mir aus, und es ist eine völlig natürliche, menschliche Regung, nun helfen zu wollen”, sagt Waris Dirie, die sich große Sorgen um ihre Familie in Somalia macht.

“Also spendet man etwas und lehnt sich danach entspannt zurück. Aber genau DAS ist es, was diese Situationen immer und immer wiederkehren lässt. Natürlich muss nun so schnell wie möglich so viel Hilfe wie möglich nach Somalia und das gesamte Horn von Afrika. Aber was viel wichtiger ist, ist das langfristige Engagement. Die Strukturen müssen sich ändern, die politische Lage muss stabilisiert werden damit überhaupt die Möglichkeit besteht, die Entstehung einer Infrastruktur und eines funktionierenden Wirtschaftssystems zu fördern.”

“Wir tragen alle eine Mitschuld an dieser Situation!”

Bereits seit den Recherchen zu ihrem aktuellen Buch Schwarze Frau, weißes Land” plädiert Waris Dirie für eine neue, nachhaltigere Herangehensweise an das Thema Entwicklungshilfe:

“Langfristiges und nachhaltiges Engagement ist das, was solche Katastrophen in Zukunft verhindern könnte”, sagt sie. “Wir alle hier im Westen tragen mit unserer Einstellung eine Mitschuld an solchen Katastrophen, weil wir immer erst dann reagieren, wenn die Nachrichten wieder furchtbare Bilder zeigen!”

Das Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe des Kuriers sowie hier online.

Waris Dirie unterstützt afrikanische Modehersteller und Designer: “Das ist Entwicklungshilfe, die wirklich Sinn macht!”

Vom 11. bis zum 17. Juli findet in New York die African Fashion Week statt, ein jährliches Event mit Modenschauen, Ausstellungen und Networking Events. Ziel der African Fashion Week ist es, afrikanischen Designs und Designers eine Plattform zu bieten und so die Rolle afrikanischer Designs in der Modeszene über die bloße Verwendung durch europäische und amerikanische Designer hinaus zu fördern.

Waris Dirie und die Desert Flower Foundation unterstützen diese neue Sicht afrikanischer Mode und Designs und fördern darüber hinaus soziale Verantwortung in der Zusammenarbeit mit afrikanischen Designern und Herstellern. My weku, eine Website für afrikanische Communities schreibt „die Kulturkämpferin Waris Dirie unterstützt durch ihre Desert Flower Foundation afrikanische Designer und stellt sicher, dass Kooperationsprojekte mit westlichen Firmen sozial verantwortungsvoll umgesetzt werden.“

Waris Dirie sieht ihr Engagement als weit mehr als ein bloßes Sozialprojekt. „Afrika hat so viel zu bieten und ein so großes Potential: tolle Stoffe und Muster, neue und alte Designs und eine Vielzahl talentierter Designer, denen ich eine Plattform bieten möchte auf der sie sich und ihre Arbeit präsentieren können. Afrikanische Mode zu unterstützen ist ein Beispiel für die einzige Art von Entwicklungsprojekten, die ich für sinnvoll halte: die Unterstützung von Projekten, die Afrika helfe, sein Potential zu verwirklichen“, sagt sie.

Waris Dirie und die Desert Flower Foundation unterstützen Aufklärungsfilm der Metropolitan Police über FGM in England.

Weibliche Genitalverstümmelung ist ein weitverbreitetes Problem in Großbritannien. Besonders während der Sommerferien werden jedes Jahr zahlreiche Mädchen verstümmelt, entweder im Ausland oder von einer Beschneiderin in Großbritannien. Laut Untersuchungen sind bis zu 6000 Mädchen in London akut von Genitalverstümmelung bedroht. In ganz Großbritannien sind bis zu 22.000 Mädchen gefährdet.

„FGM ist ein Verbrechen an Kindern, es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, sagt waris Dirie. „Es ist Missbrauch, kriminell, und wir müssen endlich dafür sorgen das es aufhört!“

Der Film „The Cut – somewounds never heal“ (Manche Wunden heilen nie) wurde von Schülerinnen im Alter von 12 bis 15 Jahren der Lilian Baylis Technology School in London zusammengestellt, die selbst auf Einwandererfamilien aus Ostafrika stammen und von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Der Film wird allen Schulen in Großbritannien zu Aufklärungszwecken zur Verfügung gestellt. Unterstützt wurden die Mädchen von der Organisation Kids Task Force sowie dem TV Produzenten Rob White. Finanziert wurde das Projekt von der Metropolitan Police und dem Auswärtigen Amt Großbritanniens.

Die Desert Flower Foundation unterstützt auch ein weiteres Filmprojekt in Bristol. Eine Gruppe von Schülerinnen mit Migrationshintergrund hat sich dort in einem selbstgedrehten Kurzfilm mit dem Thema FGM auseinandergesetzt. Trotz Widerstände seitens einiger Communities wurde der Film vergangene Woche in einem Kino in Bristol gezeigt.

Quelle

Ein Logo für Menschenrechte: Update und ein großes Dankeschön von Waris

“Meine lieben Freunde,

wie bereits berichtet war ich vor einigen Wochen in Berlin zu Gast, um gemeinsam mit dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle und weiteren Jurymitgliedern die Initiative „Ein Logo für Menschenrechte“ vorzustellen. Gemeinsam möchten wir ein Logo entwickeln und finden, dass überall auf der Welt für die Einhaltung der Menschenrechte steht.

Jeder kann bei diesem Wettbewerb mitmachen und sein Logo noch bis zum 31. Juli 2011 unter www.humanrightslogo.net zur Abstimmung stellen. Gemeinsam mit meinen Jury Kollegen wie Nobelpreisträger Mohammad Yunus, Shirin Ebadi und Michael Gorbatschow werde ich zehn Logos aussuchen über die die Internet Community dann abstimmen kann.

Bis heute gab es bereits über 6.900 Einsendungen mit Logoentwürfen! Diese Resonanz ist wirklich beeindruckend und ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die sich Gedanken über ein Logo für Menschenrechte gemacht und teilgenommen haben!

Falls euer Logo noch nicht dabei ist: Bis Ende Juli könnt ihr noch mitmachen. Ich freue mich auf eure Entwürfe!

LOVE,
Waris”

Indonesische Regierung „rechtfertigt“ FGM, kritisieren Menschenrechtsaktivisten

Die indonesische Regierung hat ein Gesetz von 2006, dass es medizinischem Personal verbot, Genitalverstümmelungen durchzuführen gekippt. Indonesien hat mit schätzungsweise 98 Prozent aller Frauen und Mädchen eine der höchsten Verbreitungen von FGM weltweit. Genitalverstümmelungen werden meist wenige Tage nach der Geburt eines Mädchens durchgeführt, oft von Hebammen oder Krankenschwestern.

2006 Verbot die indonesische Regierung es medizinischem Personal, weiter Verstümmelungen an Neugeborenen Mädchen durchzuführen.
Als Reaktion auf dieses Gesetzt begannen einige Religionsgemeinschaften in Indonesien, Beschneidungen heimlich selbst durchzuführen. Laut der indonesischen Regierung führte das 2006 erlassene Gesetz also in der Praxis zu einer gefährlicheren Situation für Mädchen in Indonesien.

Nun hat die Regierung ein Gesetz erlassen, das besagt, dass FGM ausschließlich von medizinischen Personal durchgeführt werden darf. Menschenrechtsaktivisten in Indonesien und weltweit reagierten schockiert auf diese Gesetzesänderung.

Die stellvertretende Vorsitzende der nationalen Kommission gegen Gewalt gegen Frauen, Masruchah, sieht das neue Gesetz als Rückschritt. „Es ist traurig, einen solchen Rückschritt zu erleben nachdem wir schon so wichtige Schritte getan hatten um die Rechte der Frauen in Indonesien zu schützen“ sagte sie auf einer Pressekonferenz von Amnesty International.

Auch Waris Dirie kritisiert das neue Gesetz in Indonesien: „Das ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung. Indem man festlegt, dass nur medizinisches Personal Verstümmelungen durchführen darf, rechtfertigt man diese grausame Praktik, solange sie entsprechend bestimmter Regeln durchgeführt wird. Ein solches Gesetz rechtfertigt ein grausames Verbrechen an Kindern und einen Verstoß gegen grundlegende Menschenrechte. Es ist eine völlig falsche Botschaft an die indonesische Bevölkerung und vor allem an Eltern!“

Quelle: The Jakarta Post

Parlament der autonomen kurdischen Region im Irak verabschiedet Gesetz gegen FGM

Gestern wurde im Regionalparlament der kurdischen Autonomieregion im Irak ein Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung mit großer Mehrheit angenommen, wie die Organisation WADI berichtet. Weit mehr als 60 Prozent der Mädchen und Frauen im kurischen Irak sind Opfer von FGM. Der Eingriff wird in dieser Region meist an Mädchen im Alter zwischen zwei und acht Jahren durchgeführt, meist von Laien und unter schlechten hygienischen Bedingungen.

WADI schätzt die Annahme des Gesetzes als wichtigen, jedoch hauptsächlich symbolischen Schritt auf dem Weg zum Recht kurdischer Frauen und Mädchen zu Selbstbestimmung über ihren Körper und über ihr Leben.

Schweiz verabschiedet neues Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung

Nach dem Nationalrat hat nun auch der Städterat einen Gesetzesvorschlag zum Schutz von Mädchen und Frauen in der Schweiz vor weiblicher Genitalverstümmelung (FGM).

Die Änderungen im Strafgesetzbuch sollen ein Zeichen gegen weibliche Genitalverstümmelung setzen: bereits jetzt können Täter der Körperverletzung verurteilt werden. Das neue Gesetz präzisiert den Tatbestand weiblicher Genitalverstümmelung, der mit einer Freiheitsstraße von bis zu zehn Jahren geahndet werden kann. Dies gilt auch dann, wenn das Opfer der Verstümmelung zugestimmt hat, und auch, wenn die Tat nicht in der Schweiz begangen wurde. Auch die Verjährungsfrist wurde verlängert.

Der Gesetzesentwurf geht auf eine Initiative der Parlamentarierin Maria Roth-Bernasconi zurück.

Quelle: suedostschweiz.ch

Waris Dirie im Interview mit Reuters TrustLaw

Tosin Sulaiman von Reuters Trust Law führte ein Interview mit Waris Dirie über die Gründe für das Fortbestehen von FGM, über die Arbeit der Desert Flower Foundation und über die Wichtigkeit von Bildung im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung und Armut.

Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert, dass nicht alle Frauen genitalverstümmelt sind?

Als ich nach England kam. Vorher hatte ich ja in einer Gesellschaft gelebt, in der alle Frauen genitalverstümmelt waren. Obwohl jeder davon wusste war FGM ein absolutes Tabuthema. Und trotzdem wusste ich immer schon, dass die Verstümmelung etwas unnatürliches ist. Deshalb war ich eher erleichtert als überrascht als ich erfuhr, dass es Gesellschaften gibt die ihre Frauen nicht verstümmeln.

Wie schwierig war es, über die Verstümmelung zu sprechen? Ist es mit der Zeit leichter für Sie geworden?

Am Anfang war es sehr schwer, aber ich wusste, dass ich es tun musste. Ich hätte nicht mit dem Wissen leben können, dass ich etwas für all die Mädchen, die noch immer verstümmelt werden, hätte tun können und es nicht getan hätte. Ich musste diesen Mädchen eine Stimme geben, auch wenn es die Menschen zunächst schockierte.

Heute werden ich oft frustriert. Die internationale Gemeinschaft tut noch immer viel zu wenig für die 150 Millionen Opfer von FGM.

FGM ist in Afrika und Asien noch immer sehr weit verbreitet. Durch die internationale Migration gelangt sie auch nach Europa, in die USA, nach Kanada und Australien. Wenn es um FGM geht haben die Frauen in armen Ländern einfach keine Lobby. Wo sind all die Hollywood und Popstars wenn es mal nicht um hungernde Kinder sondern um die Verstümmelung weiblicher Genitalien geht? Ist das Thema zu grausam oder zu “dreckig” um sich zu engagieren?

FGM hängt stark mit der Verheiratung junger Frauen zusammen. Warum greifen Familien zu solch drastischen Maßnahmen, um die heiratschancen ihrer Töchter zu verbessern?

In Gesellschaften, in denen FGM praktiziert wird, sind junge Mädchen nichts anderes als Güter, die gekauft und verkauft werden können. Viele dieser Mädchen sind noch minderjährig wenn sie an Männer verkauft werden, die leicht ihre Großväter sein könnten. Einen guten preis für seine Töchter zu bekommen ist wichtig für das Familieneinkommen. Leider spielt dieser finanzielle Aspekt eine große Rolle im bestehen von FGM.

Laut Ihrer Stiftung wird FGM auch verstärkt an immer jüngeren Mädchen durchgeführt. Woran liegt das?

Gesellschaften verstümmeln ihre Töchter zu unterschiedlichen Zeitpunkten. In Somalia werden Mädchen normalerweise im Alter zwischen zwei und fünf genitalverstümmelt. In Kenia, Ägypten und anderen Ländern wird die Verstümmelung an Teenagern durchgeführt um sie auf die Hochzeit vorzubereiten. Ich glaube, dass immer jüngere Mädchen verstümmelt werden liegt daran, dass man einen solchen Eingriff bei einem baby leichter verstecken kann. Ein fünf oder sogar 12 jähriges Mädchen kann erzählen, was mit ihr gemacht wurde, ein Neugeboreres kann das nicht.

Was sind die gesundheitlichen Folgen von FGM?

Zunächst besteht natürlich die Gefahr, während oder nach dem Eingriff zu sterben, wie es immer und immer wieder passiert. Mädchen sterben an Schock, Blutverlust oder Infektionen. Die, die überleben leiden immer wieder unter Entzündungen, die oft zu Unfruchtbarkeit und Schmerzen führen. Durch die starke Vernarbung des Gewebes gibt es auch viel mehr Probleme bei der Entbindung, als bei gesunden Frauen. Und dann ist da natürlich das psychologische Trauma, dass noch viel länger nachwirkt.

Sollten Männer und Jungen stärker in den Kampf gegen FGM einbezogen werden?

Obwohl FGM an Frauen und von Frauen durchgeführt wird, spielen Männer eine wichtige Rolle. Sie sind normalerweise diejenigen, die die Entscheidungen treffen. Es würde schon sehr viel ausmachen, wenn Männer klar stellen würden, dass sie lieber ein nicht verstümmeltes Mädchen heiraten ürden.

Warum praktizieren Familien, die in die USA oder nach Europa auswandern auch weiterhin FGM?

Ihre Ansichten verändern sich nicht automatisch durch einen Umzug in ein anderes Land oder eine andere Gesellschaftsform. Frauen hier im Westen werden normalerweise auch nicht gerade als stark, schlau und unabhängig präsentiert, sondern als Sexobjekte. Viele Migranten wollen um jeden Preis verhindern, dass ihre Töchter “so” werden, und glauben, FGM helfe ihnen dabei.

Was ist der Ansatz der Desert Flower Foundation im Kampf gegen FGM?

Unsere Arbeit basiert auf zwei Säulen: eine ist die Aufklärung und das Schaffen von Bewusstsein durch Reden, Vorlesungen, Interviews und Kampagnen, surch Besuche in Schulen, Universitäten, bei Ärzten und Hebammen, durch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und durch politischen Lobbying.  Die zweite Säule ist Bildung und die Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen. Ich bin überzeugt davon, dass eine Frau die gebildet und finanziell unabhängig ist, sehr viel weniger bereit sein wird, ihre Tochter genitalverstümmeln zu lassen.  Deshalb inverstiert meine Organisation in Projekte in Afrika, die Arbeitsplätze für Frauen schaffen.

Glaubst du, dass FGM noch zu deinen Lebzeiten verschwunden sein wird?

Ja, ja, ja! Ganz sicher weiß ich, dass ich weiter kämpfen werde, bis kein einziges Mädchen auf diesem Planeten mehr Opfer von diesem grausamen Verbrechen wird.

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Seit dem 05. Mai ist Waris Diries neues Buch "Schwarze Frau, weißes Land" in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhältlich
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